Warum langjährige Berufserfahrung nicht automatisch zum Bewerbungsgespräch führt
25 Jahre Berufserfahrung. Weiterbildungen absolviert, Verantwortung übernommen, Mitarbeitende eingearbeitet. Vielleicht sogar schwierige Projekte gerettet, wenn andere längst aufgegeben hätten.
Und dann kommt eine Absage. Oder noch frustrierender: überhaupt keine Antwort.
Was ist passiert? Ist die Erfahrung plötzlich nichts mehr wert? Oder gelingt es uns manchmal einfach nicht, deutlich zu zeigen, was wir tatsächlich können?
Gerade bei Stellensuchenden über 50 beschäftigt mich diese Frage. Denn einerseits sprechen Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Andererseits kann es für erfahrene Menschen schwierig sein, nach einem Stellenverlust wieder Fuss zu fassen.
Das Wichtigste in Kürze
- Langjährige Berufserfahrung ist wertvoll, garantiert aber keine Einladung zum Bewerbungsgespräch.
- Vorurteile gegenüber älteren Stellensuchenden können eine Rolle spielen. Allerdings steckt nicht hinter jeder Absage Altersdiskriminierung.
- Ein Lebenslauf sollte zeigen, welche Kompetenzen du heute mitbringst und welche Aufgaben du übernehmen kannst.
- Die Anforderungen einer Stelle und deine berufliche Positionierung müssen zusammenpassen.
- Persönliche Kontakte und ein aussagekräftiges LinkedIn-Profil können deine Stellensuche unterstützen.
25 Jahre Erfahrung. Und trotzdem nicht gefragt?
Wer über viele Jahre im gleichen Unternehmen gearbeitet hat, bringt häufig weit mehr mit als das, was im Arbeitsvertrag steht. Da wurden neue Systeme eingeführt, Teams umorganisiert, Prozesse verbessert und schwierige Situationen gemeistert.
Trotzdem landen manche Bewerbungen in der Absagenmappe.
Das kann unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht erfüllen andere BewerberInnen bestimmte Anforderungen besser. Vielleicht haben sich die Aufgaben im Beruf stark verändert. Oder die Bewerbung zeigt zu wenig deutlich, welche Kompetenzen für die ausgeschriebene Stelle relevant sind.
Manchmal können auch Vorurteile gegenüber dem Alter eine Rolle spielen.
Was mich dabei stört: Wir sprechen häufig über die Erfahrung älterer Mitarbeitender, als wäre sie entweder ein riesiger Vorteil oder plötzlich ein Problem.
Dabei ist die Frage doch eine andere: Welche Fähigkeiten bringt dieser Mensch mit und passen sie zur ausgeschriebenen Stelle?
Ist das Alter tatsächlich ein Hindernis?
Die Schweiz beschäftigt sich schon länger mit den Herausforderungen älterer Stellensuchender. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) hat im Februar 2026 Ergebnisse eines mehrjährigen Förderprogramms veröffentlicht.
Dabei wurden unter anderem Job-Coaching-Angebote, Beratungsformate und Massnahmen zur Verbesserung digitaler Kompetenzen untersucht. Die Evaluation zeigte positive Effekte auf Bewerbungskompetenzen, Motivation und Selbstvertrauen. Gleichzeitig bleibt die Wiedereingliederung von Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt eine Herausforderung.
Das zeigt für mich, dass wir genauer hinschauen müssen. Pauschale Erklärungen bringen wenig.
Natürlich gibt es Altersstereotype. Etwa die Vorstellung, ältere Mitarbeitende seien weniger flexibel, hätten Mühe mit neuen Technologien oder verlangten grundsätzlich höhere Löhne.
Aber solche Annahmen sagen noch nichts über eine konkrete Person aus.
Ein 55-jähriger Mensch kann sehr offen für Veränderungen sein. Ein 30-jähriger ebenso wenig. Das Geburtsjahr allein ist kein verlässlicher Massstab für Lernbereitschaft oder berufliche Eignung.
Was ich aus meiner Erfahrung mitnehme
Ich habe selbst früher in einer Personalabteilung gearbeitet und eine Ausbildung zur Personalassistentin absolviert. Das liegt schon einige Jahre zurück, und selbstverständlich hat sich im Recruiting seither vieles verändert.
Was geblieben ist: Unternehmen möchten möglichst gut einschätzen können, ob jemand für eine Aufgabe geeignet ist.
In meinen LinkedIn-Trainings beschäftige ich mich seit vielen Jahren damit, wie Menschen ihre beruflichen Kompetenzen verständlich darstellen. Dabei finde ich besonders interessant, wie unterschiedlich wir unsere eigenen Fähigkeiten wahrnehmen.
Was man täglich macht, erscheint einem irgendwann selbstverständlich.
Jemand, der seit zwanzig Jahren Kundenreklamationen bearbeitet, schreibt vielleicht einfach «Kundenbetreuung» in seinen Lebenslauf. Dabei könnte dahinter viel mehr stecken: Konfliktlösung, Kommunikation mit anspruchsvollen KundInnen oder das Finden pragmatischer Lösungen unter Zeitdruck.
Genau diese Fähigkeiten können auch für andere Funktionen interessant sein.
In meiner aktuellen Weiterbildung zum Job Coach beschäftige ich mich deshalb intensiv damit, wie Menschen ihre vorhandenen Kompetenzen erkennen und für neue berufliche Möglichkeiten nutzen können.
Denn bevor ich meine Erfahrung überzeugend darstellen kann, muss ich selbst wissen, was ich eigentlich alles mitbringe.
Ein Lebenslauf ist keine vollständige Berufsgeschichte
Vielleicht hast du einen Lebenslauf, in dem sämtliche Arbeitgeber, Stellenbezeichnungen und Weiterbildungen sauber aufgelistet sind.
Das ist eine gute Grundlage. Aber reicht es aus?
Wenn eine Person deinen Lebenslauf anschaut, möchte sie möglichst schnell verstehen, ob du für die ausgeschriebene Stelle interessant bist.
Deshalb würde ich bei einer Bewerbung weniger darüber nachdenken, wie ich möglichst viele vergangene Aufgaben unterbringe. Spannender ist, welche Erfahrungen für die neue Tätigkeit tatsächlich relevant sind.
Ein Beispiel:
Statt nur «Teamleitung Produktion» zu schreiben, könntest du ergänzen, dass du zehn Mitarbeitende geführt, neue KollegInnen eingearbeitet oder Produktionsabläufe verbessert hast. Natürlich nur, wenn das tatsächlich zu deiner Tätigkeit gehörte.
So wird aus einer Stellenbezeichnung eine nachvollziehbare Kompetenz.
Und was ist mit LinkedIn?
Gerade bei langjähriger Berufserfahrung finde ich LinkedIn interessant.
Ein Lebenslauf ist meistens auf eine bestimmte Bewerbung ausgerichtet. Auf LinkedIn kannst du zusätzlich deine beruflichen Schwerpunkte, Weiterbildungen und Interessen sichtbar machen.
Aber auch dort reicht es nicht, einfach den bisherigen Lebenslauf zu kopieren.
Überlege dir, welche berufliche Richtung du künftig einschlagen möchtest. Welche Begriffe verwenden Unternehmen für entsprechende Funktionen? Welche Erfahrungen sollen Recruiter auf deinem Profil erkennen?
Eine klare Headline, ein verständlicher Infotext und aussagekräftige Berufserfahrungen können helfen, dein Profil besser einzuordnen.
Natürlich garantiert auch ein optimiertes LinkedIn-Profil keine neue Stelle. Aber es bietet eine zusätzliche Möglichkeit, mit Unternehmen und Menschen aus deinem beruflichen Umfeld in Kontakt zu kommen.
Und manchmal entstehen interessante Gespräche gerade ausserhalb des klassischen Bewerbungsprozesses.
Was Unternehmen ebenfalls hinterfragen sollten
Ich finde, wir dürfen die Verantwortung nicht ausschliesslich bei Stellensuchenden abladen.
Natürlich müssen Bewerbungsunterlagen aktuell sein. Natürlich ist es sinnvoll, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und die eigenen Kenntnisse weiterzuentwickeln.
Aber Unternehmen sollten sich ebenso fragen, ob ihre Auswahlkriterien tatsächlich zu den Anforderungen der Stelle passen.
Muss jemand wirklich jede neue Software bereits beherrschen? Oder wäre es sinnvoller, die Fähigkeit zu berücksichtigen, sich in neue Systeme einzuarbeiten?
Wie wichtig ist eine lückenlose Laufbahn? Und welche Rolle spielt die Erfahrung im Umgang mit Menschen, bei Veränderungen oder in schwierigen Situationen?
Wer ausschliesslich nach dem perfekten Lebenslauf sucht, übersieht möglicherweise Menschen, die fachlich und persönlich sehr gut ins Unternehmen passen würden.
Drei Fragen für deine nächste Bewerbung
Wenn du schon einige Absagen erhalten hast, würde ich nicht einfach die nächste Bewerbung nach demselben Muster verschicken.
Nimm dir Zeit für diese Fragen:
1. Zeigt mein Lebenslauf, was ich heute kann?
Nicht nur, wo du gearbeitet hast, sondern welche Fähigkeiten du mitbringst und wo du Verantwortung übernommen hast.
2. Bewerbe ich mich auf Stellen, deren Anforderungen ich nachvollziehbar erfülle?
Prüfe, welche Kompetenzen zwingend vorausgesetzt werden und welche du durch deine Erfahrung oder eine Weiterbildung abdecken könntest.
3. Nutze ich mein berufliches Netzwerk?
Wer weiss eigentlich, dass du eine neue Stelle suchst? Frühere KollegInnen, GeschäftspartnerInnen und andere berufliche Kontakte können wertvolle Hinweise geben.
Es geht nicht darum, wahllos Menschen anzuschreiben. Beginne mit echten Kontakten und interessanten Gesprächen.
Was ich dir zum Schluss mitgeben möchte
Eine Absage bedeutet nicht automatisch, dass deine Berufserfahrung nichts mehr wert ist.
Vielleicht passte die Stelle tatsächlich nicht. Vielleicht konntest du deine Kompetenzen nicht deutlich genug darstellen. Und ja, möglicherweise haben auch Vorurteile eine Rolle gespielt.
Du wirst nicht jeden Entscheid eines Unternehmens beeinflussen können.
Was du aber beeinflussen kannst, ist die Art, wie du deine Erfahrung sichtbar machst, welche beruflichen Möglichkeiten du prüfst und wie du mit Menschen in Kontakt kommst.
Ich finde, gerade nach einer langen Berufslaufbahn lohnt es sich, die eigene Erfahrung nochmals aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Denn 25 Jahre Erfahrung sind weit mehr als 25 Jahre auf einem Lebenslauf.
Quellen und weiterführende Informationen
- SECO, 17. Februar 2026: «Wiedereingliederung von erschwert vermittelbaren und älteren Arbeitslosen: Evaluationsberichte zeigen wirksame Ansätze».
- arbeit.swiss: «Stellensuchende 50 plus», Informationen über Unterstützung und arbeitsmarktliche Massnahmen».
Stand: 16. Oktober 2026





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